In diesem Jahr finden Landtagswahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern statt. Der Wahlkampf ist längst im Gang und ich habe mal einen Blick auf die Behindertenpolitik geworfen.
(Hinweis: Dieser Text entstand vor den Landtagswahlen von Baden-Württemberg (08.03.26) und Rheinland-Pfalz (22.03.26)).
Sehr große Zielgruppe
Menschen, für die Behindertenpolitik ein wahlentscheidendes Thema ist, werden statistisch nicht erfasst. Deshalb habe ich das Netz durchforstet und ein paar Zahlen gefunden, die vielleicht nicht 100%-ig exakt sind, was meines Erachtens auch gar nicht notwendig ist.
Etwa 18% bis 25% der Wahlberechtigten haben einen unmittelbaren persönlichen Bezug zum Thema Behinderung. Das entspricht auch ungefähr dem Anteil der Bevölkerung, der entweder selbst betroffen ist oder einen nahen Angehörigen mit Behinderung hat. Das sind nicht nur Menschen, die selbst eine anerkannte (und statistisch erfasste) Schwerbehinderung mit einem GdB ≥ 50 haben, sondern auch
- Eltern behinderter Kinder,
- pflegende Angehörige,
- Partner und Partnerinnen und
- natürlich auch jene, die einen GdB < 50 haben oder
- deren Schwerbehinderung noch nicht festgestellt wurde.
Wir sprechen also von einer Größenordnung von betroffenen Menschen von
- ca. 1,4 bis 2 Millionen in Baden-Württemberg
- ca. 560.000 bis 780.000 in Rheinland-Pfalz
- ca. 330.000 bis 470.000 in Sachsen-Anhalt und
- ca. 230.000 bis 330.000 in Mecklenburg-Vorpommern
Diese Wählergruppe ist größer als viele der klassischen Zielgruppen, auf die Parteien ihren Wahlkampf ausrichten. Selbst im bevölkerungsärmsten der vier Länder sprechen wir von mehreren hunderttausend Wahlberechtigten. Trotzdem spielt Behindertenpolitik in den meisten Wahlprogrammen nur eine vergleichsweise geringe Rolle.
Das macht diese Gruppe politisch relevant, wird aber im Wahlkampf oft nicht berücksichtigt.
AfD gegen behinderte Menschen
Auffällig ist dabei, wie sehr sich die AfD gegen schulische Inklusion und für eine Wegsperrung behinderter Menschen ausspricht.
Die AfD in Sachsen-Anhalt erklärt den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung ausdrücklich für gescheitert und fordert:
- Ende der schulischen Inklusion
- Ausbau der Förderschulen
- Rückkehr zu getrennten Schulformen
- Konzentration der Schulen auf Wissensvermittlung statt Inklusion und Sozialpädagogik
Das Wahlprogramm der AfD in Baden-Württemberg enthält einen eigenen Abschnitt „Keine Inklusion um jeden Preis“. Dort heißt es sinngemäß:
- Die AfD befürwortet eine „Inklusion mit Augenmaß“.
- Gemeinsamer Unterricht sei grundsätzlich wünschenswert, dürfe aber weder Mitschüler, Lehrkräfte noch die betroffenen Schüler überfordern.
- Spezialisierte Sonder- bzw. Förderschulen seien häufig der bessere Förderort und sollten erhalten bleiben.
Darüber hinaus finden sich im Programm kaum Aussagen zu anderen Bereichen der Inklusion, etwa Barrierefreiheit, Assistenz oder selbstbestimmtem Leben.
Ähnlich das AfD-Wahlprogramm in Rheinland-Pfalz. Zur schulischen Inklusion heißt es zusammengefasst:
- Kinder mit Behinderung sollen individuell gefördert werden.
- Förderschulen sollen ausdrücklich gestärkt werden.
- Regelschulen und Förderschulen sollen nebeneinander bestehen.
- Die Entscheidung über gemeinsamen oder getrennten Unterricht soll flexibel erfolgen.
Auch hier fehlen weitgehend Aussagen zu anderen Lebensbereichen behinderter Menschen.
In Mecklenburg-Vorpommern nimmt das Thema Behinderung insgesamt nur einen kleinen Teil des Programms ein. Aber auch hier wird Folgendes gefordert:
dauerhafter Erhalt der Förderschulen,
stärkere Leistungsorientierung im Schulsystem,
keine Ausweitung inklusiver Beschulung als bildungspolitisches Leitbild.
Was fehlt in den Wahlprogrammen?
Auffällig ist weniger das, was gefordert wird, sondern das, was kaum erwähnt wird. Das gilt nicht grundsätzlich für alle Parteien, die solche Themen explizit in ihre Wahlprogramme aufgenommen haben. Insgesamt ist auffällig, dass sich die Wahlprogramme der AfD fast ausschließlich auf Schulpolitik konzentrieren. Themen wie
- Barrierefreiheit,
- Persönliche Assistenz,
- UN-Behindertenrechtskonvention,
- inklusive Arbeitswelt,
- Wohnen,
- Mobilität,
- politische Teilhabe oder
- digitale Barrierefreiheit
spielen in den Landtagswahlprogrammen der AfD 2026 kaum oder gar keine Rolle. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf dem Erhalt oder Ausbau von Förderschulen und einer kritischen Haltung gegenüber einer umfassenden schulischen Inklusion.
Umfassende Konzepte zur Inklusion im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention nehmen in den Wahlprogrammen insgesamt nur einen geringen Raum ein. In einem besonderen Maße agiert die AfD ableistisch.
Wahlempfehlung?
Ich möchte mit diesem Beitrag gar keine Wahlempfehlung für oder gegen eine Partei aussprechen, sondern dazu anregen, sich mit den Wahlprogrammen der Parteien auseinandersetzen. Vor allem für die große Gruppe von einer Behinderung betroffenen Menschen, wird das Wahlergebnis einen direkten Einfluss auf das alltägliche Leben haben, vor allem, wenn z.B. Gelder nicht mehr fließen, damit Menschen mit Behinderung zur Schule oder zur Arbeit gelangen.
Ich bin hier so explizit auf die Wahlprogramme der AfD eingegangen, weil diese Partei die einzige, die sich derart gegen eine tragbare Behindertenpolitik stellt. Viele Aspekte hat die Partei bisher gar nicht berücksichtigt, während die anderen relevanten Parteien sehr wohl ein Konzept in ihren Wahlprogrammen stehen haben.
Natürlich macht es Sinn, auch auf andere Aspekte der Wahlprogramme der Parteien einen Blick zu werfen. Verfassungsfeindliche und extremistisch agierende Parteien jeglicher Ausrichtung haben meines Erachtens nichts in den Führungspositionen der Politik zu suchen.
Wer (verständlicherweise) keine Lust hat, die Wahlprogramme direkt zu lesen, kann sich über die gängigen KI-Modelle oder über die “Wahl-O-Mat”-Programme Anregungen holen. Vorsicht ist aber geboten, da die Wahrscheinlichkeit sehr hoch ist, dass falsche Meinungen in Umlauf gebracht werden.
Mir war es eher ein Anliegen, dass von Behinderung betroffene Menschen als Wählergruppe gesehen werden und dass sich diese Gruppe sehr genau überlegen sollte, wen sie wählt.

Schon seit Anbeginn des Internets pflegte Eng einen Blog. Und weil es ihm Spaß macht, seine Erfahrungen zu teilen, sind es immer Mischblogs, so wie dieser hier.
Seitdem seine neuromuskuläre Erkrankung einen deutlich größeren Einfluss auf sein Leben hat, befinden sich neben den Beiträgen zur Fotografie, Aquaristik, Reisen, Verbraucherschutz und Technik auch Beiträge zu Gesundheitsthemen auf diesem Blog.
BaWü und RhPf waren doch schon längst, Berlin haste vergesse
6. September Sachsen-Anhalt
20. September Berlin
20. September Mecklenburg-Vorpommern
Da hast Du natürlich recht. Das kommt davon, wenn ich Beiträge vorschreibe und die dann immer wieder nach hinten schieben. Die Wahlen waren am 08. und 22.03. diesen Jahres und dieser Beitrag ist mit einem kleinen Verzug veröffentlicht worden 🙂 In der Sache bleibt der Inhalt leider gleich, denn auch in Berlin spielt Behindertenpolitik keine Rolle.
Danke für den Hinweis.